In meinem ersten Imkerjahr habe ich mit fünf Reinzuchtköniginnen gestartet, alle aus derselben Zuchtlinie, alle auf der selben Belegstellle begattet. Gleiche Beuten, gleiches Futter, gleiche Behandlung. Ich dachte, bei jedem Besuch werde ich jeweils das gleiche tun. Damit gehe ich in Serie. Doch binnen weniger Wochen liefen die fünf Völker immer mehr auseinander.
Es begann mit Kleinigkeiten - das eine Volk saß weiter links, das andere weiter rechts in der Beute. Die einen bauten die Mittelwände zügig aus, andere nur zum Teil. Und obwohl ich allen Völkern gleich viel fütterte, kamen sie gänzlich unterschiedlich aus dem Winter: Ein Volk war drohnenbrütig, ein Volk war sehr schwach, drei Völkern ging es gut.
Und da erinnerte ich mich wieder an ein Buch, das ich als Teenager verschlungen hatte - “Die Entdeckung des Chaos: Eine Reise durch die Chaos-Theorie” von John Briggs und F. David Peat. Was mich an diesem Buch gepackt hat: Chaotische Systeme sind nicht zufällig, sie sind deterministisch - jeder Schritt folgt klaren Regeln - aber extrem empfindlich gegenüber Variationen in den Startbedingungen. Winzige, praktisch nicht messbare Unterschiede wachsen sich über die Zeit zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen aus. Genau diesen Effekt sah ich bei meinen Völkern. Vielleicht wurde eine der Königinnen bei besserem Wetter begattet, vielleicht hat eine Handvoll Ammenbienen mehr oder weniger in der Anfangsphase einen Unterschied gemacht. Vielleicht war es die Reihenfolge, in der ich an jenem ersten Tag die Völker eingeschlagen habe. Nichts davon würde ich je nachvollziehen können - und trotzdem hat es Konsequenzen, die sich über Wochen aufschaukeln.

Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang der sogenannte Schmetterlingseffekt - ein Gedankenexperiment, bei dem der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen kann. Ein wirklich gut gelungenes Video zu diesem Thema gibt es bei 100SekundenPhysik.
Für mich als Imker hat das eine fast beruhigende Seite. Es nimmt mir den Druck, jedes Ergebnis erklären zu müssen. Ich messe, dokumentiere, vergleiche - aber wenn ein Volk sich anders entwickelt als sein Nachbar, obwohl ich augenscheinlich alles gleich gemacht habe, ist das nicht zwingend ein Beweis für einen Fehler meinerseits. Ein Bienenvolk ist ein hochkomplexes System aus zehntausenden Individuen, die ständig miteinander kommunizieren und sich gegenseitig beeinflussen - ein Paradebeispiel für genau die Art von System, die Chaos-Theoretiker untersuchen.
Die praktische Konsequenz, die ich daraus ziehe: individuell schauen, nicht stur nach Schema führen. Jedes Volk bekommt seine eigene Einschätzung, unabhängig davon, was das Nachbarvolk am selben Bienenstand gerade macht. Das ist aber kein Freibrief auf Dokumentation, methodisches Arbeiten und Best Practices zu verzichten - denn auch wenn manche Parameter zu Entwicklung eines Volkes schwer vorhersagbar sind, so gibt es umgekehrt viele imkerliche Fehler, die bereits seit langem beschrieben sind und vermieden werden können, wenn man genaue Aufzeichnungen führt.
Und ein bisschen Demut schadet auch nicht. Wenn ich glaube, meine Bienen zu lenken - es ist am Ende wohl öfters eher umgekehrt.